Interview

Mit Krücken auf den Kilimandscharo

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Blick zurück · 22. Juni 2019

Mit einem Bein und zwei Krücken auf den Kilimandscharo – «The strong goat – Mbuzi Dume» zeigt die beeindruckende Geschichte von Tom Belz. «Mbuzi Dume» bedeutet auf Swaheli schnelle Ziege und es ist der Spitzname des afrikanischen Bergführers mit dem Tom Belz den Kilimandscharo bestiegen hat. Wir wollten mehr wissen und haben bei Tom nachgefragt.

Als Kind ist Tom Belz an Knochenkrebs erkrankt und läuft seither mit nur einem Bein und zwei Krücken durchs Leben. 23 Jahre später besteigt er als Mammut Brand Ambassador den höchsten Gipfel Afrikas. Tom wurde auf der Reise seines Lebens von einem Filmteam begleitet. Daraus entstand der Film «The strong goat – Mbuzi Dume», der Teil des diesjährigen E.O.F.T.-Programms ist und bei uns am im Rahmen der Allianz Dare to Night am 10. August auf dem Münsterplatz zu Gast.

 

Wer ist Tom Belz?

Tom Belz ist mehr als eine Hülle und auch mehr als ein Bein weniger. Ich bin kein klassischer Mammut-Athlet und auch kein klassischer Protagonist für einen Film, sondern jemand, der seine Wünsche auf der Zunge trägt und diese auch umsetzt. Ich bin mittlerweile 32 Jahre alt und komme aus Offenbach am Main. Hier ist alles sehr gemütlich. Früher kannten mich die Leute aufgrund meiner Krankheit und nun, weil ich dadurch im TV war. Als staatlich anerkannter Sozialassistenz und Erzieher bin ich Gruppenleiter für Geistig- und Mehrfachbehinderte.

 

Wenn du dich mit drei Stichworten beschreiben müsstest, welche wären das?

Dickköpfig, ungeduldig und rücksichtsvoll.

 

Inwiefern haben dich diese Eigenschaften bei deiner Entscheidung den Kilimandscharo zu besteigen bestärkt?

Habe ich was im Kopf, muss ich das sofort machen! Ob es klappt oder nicht ist zweitrangig. Bei mir ist «jetzt gleich» Programm; dabei nehme ich aber immer Rücksicht auf mein Umfeld und alle, die an einem Projekt beteiligt sind.

«Als kleines Kind habe ich mir oft Pinocchio angeschaut. Wie er wollte auch ich immer ein normales Kind sein, dann ein normaler Erwachsener.»

Die ersten beiden Eigenschaften «dickköpfig» und «ungeduldig» waren also entscheidend.

Ja. Nach der Beinamputation und meiner Krebskrankheit habe ich mir in den Kopf gesetzt, dass ich ein normaler Junge bin und keine Hilfe brauche. Ich wollte einen normalen Lebensweg einschlagen. Als kleines Kind habe ich mir oft Pinocchio angeschaut. Wie er wollte auch ich immer ein normales Kind sein, dann ein normaler Erwachsener, der ein Auto fährt und eine Beziehung hat. Das war super schwer, da ich auf alle um mich herum hätte hören sollen. Natürlich wollten alle nur das Beste für mich, doch ich musste zuerst meinen Dickkopf durchsetzen und meine eigenen Erfahrungen machen. Und da kommt die Ungeduld ins Spiel: Ich wollte keine Prothese haben. Bis ich mir diese umgeschnallt hätte, wären meine Freunde schon lange weggerannt. Auch hier habe ich mich gefragt «Was kann ich dafür tun, damit ich jetzt gleich loslaufen?». Da habe ich meine Krücken genommen.

 

Und bist Jahre später damit auf den Kilimandscharo. Warum der Kilimandscharo? Welche Bedeutung hat er für dich?

Der Kilimandscharo war das Endprodukt einer 24-jährigen Geschichte, während der ich auf etwas reduziert wurde. Nimm eine Prothese, setz dich in den Rollstuhl, usw. Es gab viele Steine auf meinem Weg. Diese habe ich für mich zusammengenommen und das ergab einen riesigen Berg.

 

Wie der Kilimandscharo.

Den Kili kannte ich aus meiner Kindheit. Oft habe ich mir mit meinem Papa Dokumentarfilme angeschaut von Afrika und natürlich Lion King. Ich fand den Berg schon immer faszinierend. Die Steine auf meinem Weg bildeten meinen eigenen Kili. Darum war es dann der Kilimandscharo. Ich musste da hoch, um zu beweisen, dass ich kein normaler Erwachsener bin, aber vollständig und mich nicht kategorisieren lasse.

«Die Steine auf meinem Weg bildeten meinen eigenen Kili.»

Wie hast du dich für den Aufstieg vorbereitet?

Ich reiste in die Schweiz und bestieg das Äussere Barrhorn im Wallis: 3’600 Meter über Meer. Eine Trainingseinheit, die notwendig war, damit ich überhaupt einmal auf einem Berg war. Vorher hatte ich nur meine Dickköpfigkeit.

 

Wie, das war’s?

Ja. Es war total schön und auch sehr anstrengend für mich. Gemäss den Ärzten muss ich 40 Prozent mehr Energie aufbringen als zweibeinige Menschen. Zwei Wochen später bestieg ich dann den Kili.

 

Dieses Abenteuer hast du mit deinem behandelnden Arzt Dr. Klaus Siegler geteilt. Wie kam es dazu und was bedeutet dir das?

Klaus ist quasi der vierte Teil in dieser Geschichte: Ich, Mama, Papa und der Klaus. Er war damals mein behandelnder Arzt und war sehr konkret und ehrlich. Ich war ein Patient, der als schwierig galt. Mit dem Herz auf der Zunge, habe ich die Worte, die aus meinem Mund kamen, nicht gross gefilter. Klaus beschrieb mich als «ein charmantes Monster». Daraus wurde eine Freundschaft, die bis heute hält. Ich wollte ihm ein Stück der Zeit, die er mir damals gab, zurückgeben indem wir da hoch gingen. Er hat mich Laufen gelehrt, darum musste er ein Stück mit mir gehen.

 

Was möchtest du unseren Gästen vor der Filmvorführung über „Mbuzi Dume“ verraten?

Tempo Taschentücher einpacken. Meine Geschichte ist vielleicht nichts Besonderes, weil ich mir die Mühe nicht nehme, dass es besonders sein könnte, aber ich habe an verschiedenen Screenings gemerkt, dass die Geschichte bewegt. Da sind ganz viele Emotionen dabei. Mein Film handelt nicht nur von meiner vermeintlichen Behinderung und Tom Belz, sondern ich will daran erinnern, dass das Leben dazu da ist um gelebt zu werden – und ich, wie wir alle einen eigenen Kilimandscharo haben.

 

Wie war die Zusammen- und Dreharbeit mit Claudio von Planta? Wie seid ihr vorgegangen – nach Script oder spontan?

Ich kann nicht eine Rolle spielen oder in eine schlüpfen, darum gab es kein Script! Dafür bin ich zu sehr ich. Die Dreharbeiten mit Claudio waren der Wahnsinn. Da war so viel Energie auf dem Berg und so viele tolle Dinge sind passiert zwischen Claudio und Alex – der zweite Kameramann, Klaus und den Trägern.

 

Auf was dürfen sich die Besucher des Open-Air-Kinos freuen?

Ich bin vor Ort und möchte so viele Leute wie möglich ansatzweise kennenlernen und Danke sagen. Meine Mama hat mir beigebracht Danke zu sagen und das möchte ich so vielen Menschen, wie es geht. Am liebsten gleich alle in den Arm nehmen.

«So schwer es auch ist, tragt eure Behinderungen, Merkmale und Eigenschaften ehrenvoll mit euch. Denn was sagt schon ein Leberfleck oder ein nicht vorhandenes Bein aus?»

Gibt es etwas, das du unseren Besuchern weiter- oder mitgeben möchtest?

Oft findet man sich gar nicht mehr wieder in dem ganzen Trubel und Chaos, das wir Leben nenne. Wir trinken morgens Kaffee, rauchen eine Zigarette, dann arbeiten wir bis 19 Uhr und das war es dann auch. So wird es uns suggeriert. Ich habe mich entschieden, nicht mehr daran zu glauben, sondern zu leben. Als Kind hat man das und dann erst wieder, wenn man als Erwachsener sein inneres Kind wiederfindet und lernt, sich auf neue Sachen einzulassen. Ich bin mittlerweile süchtig nach Lebenserfahrung; schliesslich ist die Welt nur einen Schritt entfernt.

So schwer es auch ist, tragt eure Behinderungen, Merkmale und Eigenschaften ehrenvoll mit euch. Denn was sagt schon ein Leberfleck oder ein nicht vorhandenes Bein aus? Hört auf eine Hülle zu sein, ihr seid mehr als ein stumpfes Ding in der Gesellschaft. Brecht aus und lasst euer inneres Kind ausbrechen.

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